Kainismus beim Schreiadler & anderen Greifvögeln

Wer ein Schreiadlerjunges in seinem Horst sitzen sieht, käme niemals auf den Gedanken, dass ein angeborener Aggressionstrieb, der sogenannte „obligatorische Kainismus“, das Schicksal seiner ersten Lebenstage bestimmt hat. Ein Phänomen, das auch bei anderen Greifvögeln wie dem Bartgeier vorkommt. Doch was steckt genau dahinter?

 

In einem Abstand von drei bis vier Tagen legt das Schreiadlerweibchen in der Regel zwei Eier, aus denen mit zeitlichem Abstand auch meist zwei Jungvögel schlüpfen. Doch sobald das Zweitgeborene geschlüpft ist, wird es durch den früher geschlüpften Jungvogel mit Schnabelhieben attackiert. Der Zweitgeborene Jungvogel, der in Analogie zu der biblischen Darstellung als „Abel“ bezeichnet wird, geht fast immer durch die angeborene aggressive Handlung des größeren, früher geschlüpften Jungvogels („Kain“) zugrunde. Es wird sogar vermutet, dass sich „Abel“ so sehr einschüchtern lässt, dass er schließlich nicht mehr an der Fütterung teilnimmt und zugrunde geht.

 

Der „obligatorische Kainismus“ ist genetisch bedingt und erfolgt unabhängig vom Ernährungszustand. Seine Gründe sind bis heute nicht abschließend geklärt. Es könnte sein, dass das Zweitgeborene von der Natur als eine Art Reproduktionsreserve für besonders nahrungsreiche Jahre vorgesehen ist, denn in seltenen Fällen bleibt der Aggressionstrieb des „Kain“ aus und beide Küken werden von ihren Eltern aufgezogen. Eine andere Theorie besagt, dass sich der Schreiadler derzeit im Evolutionsstadium des Übergangs vom Zwei-Ei- zum Ein-Ei-Gelege befindet.

 

Als eine Art „Sofortrettungsmaßnahme“ für den Schreiadler hat die Deutsche Wildtier Stiftung das Projekt „Jungvogelmanagement“ mit finanzieller Hilfe durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt durchgeführt. Das Projekt verfolgte den Ansatz, „Abel“ dem Horst zu entnehmen und getrennt aufzuziehen. Durch dieses Jungvogelmanagement in menschlicher Obhut wird erreicht, dass auch die „Abels“ überleben und die Reproduktionsrate der Art steigt. Das Projekt wurde in den Jahren 2006 bis 2011 in Brandenburg umgesetzt. Den Abschlussbericht finden Sie dazu hier.